Der seltsame Mann und die ausgeflippte Disco
Boring Suburbia 6
Wie ein Indianer saß der junge Punk da. Oder so wie man sich im kalten Deutschland der 1980er Jahre einen amerikanischen Ureinwohner vorstellte. Andreas war vom Hals bis zum Boden in eine bunte Wolldecke gehüllt. Es sah aus wie ein kleines Tipi ,mit einem Kopf auf der Spitze.Die bunten Haare waren zu einem dreifachen Mohawk frisiert, in der Mitte über 20 Zentimeter hoch, an den Seiten deutlich kürzer.
Vor ihm auf dem Gehweg stand eine Pappschale mit Kleingeld. Es war früher Abend und bereits dunkel. Die Passanten, meist Kneipengänger, waren gut gelaunt; einige blieben kurz stehen und warfen Münzen in die Schale. Hauptsächlich Messing, ein paar Silberne, kaum Indianergeld, wie man die kupfernen 1- und 2-Pfennigmünzen wegen ihrer rötlichen Farbe gelegentlich nannte.
Einige Punks entwickelten große Kreativität und hatten durchaus Talent als Bettler. Denn genau das waren viele von Ihnen, auch wenn sie das niemals zugegeben hätten.
So konnte einer von ihnen sehr gut Dialekte imitieren. Die Behauptung, Flüchtlinge aus der DDR zu sein, vorgetragen in einem Sächsisch anmutendem Singsang, brachte innerhalb kurzer Zeit genug Kleingeld für einen Vollrausch ein.
Spätestens aber, als die Punks zum wiederholten Male besoffen durchs Viertel torkelten und laut»Wir sind die Punks aus der DDR, unsre Stiefel sind so schwer« grölten, war die Methode verbrannt.
Reede, der junge Türke, atmete tief ein, flitschte mit den bordeauxroten Skinheadhosenträgern, die er zu seiner Domestos-Jeans trug. Begann aufzuzählen, ohne zwischendurch Luft zu holen:»Meine Hosenträger, deine Hosenträger, ihre Hosenträger, unsere Hosenträger, eure Hosenträger …« Meist musste er atmen. bevor mit den Possessivpronomen durch war. Er war auch sonst etwas seltsam. Er fragte regelmässig, wer denn der»Stärkste« von dieser oder jener Gruppe war. Die Punks schien er für eine Art Gang zu halten.
Erklärungen, die dem widersprachen, ignorierte er. Die Punks wussten nicht, warum er ausgerechnet mit ihnen abhängen wollte. Reede beteiligte sich nie am gemeinsamen Geldschnorren.
Er hatte anscheinend ein Zuhause und genug Taschengeld. Sein Vater sei»Bonze«, verkündete er gelegentlich. Zu seinem Glück nahm ihn auch in dieser Hinsicht niemand ernst.
Auf der Straße hatte man solche wie ihn schon für weniger als die Aussicht auf das Taschengeld eines»Bonzensohnes« übel zusammengeschlagen.
Bomber kam hinzu. Sein Name erklärte sich von selbst - 1,85m gross und 120 Kilo schwer, war er in seinem wadenlangen Ledermantel nicht zu übersehen.
So langsam trudelten immer mehr Bunthaarige in besprühte Lederjacken gehüllte Gestalten ein.
Zeit einen Teil des Geldes aus Andreas Pappschale in Bier umzusetzen.
Paul und der seltsame Mann erreichten die Gruppe fast zeitgleich aus entgegengesetzten Richtungen.
Der seltsame Mann war mittelgroß, mittelalt. Auf jeden Fall deutlich älter als jeder der Punks, die großenteils noch keine zwanzig Jahre alt waren. Er trug Jeans, Norwegerpullover und eine seltsame bräunliche Lederjacke. Die Kleidung wirkte unordentlich und gleichzeitig hochwertig.
»Sagt mal Jungs, könnt ihr mir sagen, wo es hier so eine richtig ausgeflippte Disco gibt?«, fragte er.
»Wer spricht so, was stimmt mit dem Typ nicht?», dachte Paul.
Die Punks hörten dem seltsamen Mann eher amüsiert zu. Was sicher auch an dem Bier lag, das er inzwischen an alle verteilt hatte.
Paul, Andreas und Bomber ließen sich auf die Bitte des Mannes ein, dass man das Thema »ausgeflippte Disco« doch lieber im Warmen besprechen sollte. So suchten sie zu fünft eine der Kneipen in der Nähe auf - Reede hatte sich ungefragt angeschlossen.
Sie setzten sich an einen Tisch neben dem Schaufenster zur Straße, von dem man das Kommen und Gehen sehr gut beobachten konnte.
»Bestellt euch ruhig noch etwas«, sagte der seltsame Mann und bat die Punks auf seine Jacke achtzugeben, während er sich Richtung Toiletten aufmachte.
Andreas ging zur Theke um eine Bestellung aufzugeben und behielt den Mann im Auge, der zu seiner Überraschung in der Damentoilette verschwand. In der Zwischenzeit kümmerte sich Bomber um die braune Lederjacke und förderte eine Brieftasche mit über tausend Mark zu Tage.
Die Zeit begann sich zu verlangsamen und wurde zäh wie Sirup. Die Stimmen der anderen Kneipengäste und die Musik wurden zu einem entfernten Gemurmel. Sie schienen sich zu dritt in einer Blase verlangsamter Zeit zu befinden. Die Gedanken der Punks synchronisierten und drehten sich nur noch um ein und dasselbe. Die Gier stand allen drei ins Gesicht geschrieben.
Als Andreas zurück an den Tisch kam, schien alles wieder normal, auch die Musik und die Gespräche der Gäste hatten die alte Lautstärke.
Er stellte die Getränke ab und erzählte, was er beobachtete hatte. Er vergaß auch nicht zu erwähnen, dass der Wirt eine Warnung vor dem seltsamen Mann ausgesprochen hatte. »Der ist hier im Viertel bekannt und lädt des öfteren Jungs zu sich ein«, hatte er gesagt.
Das ließ sich Bomber nicht zweimal sagen und steckte das Geld aus der Brieftasche ein.
Zu viert verließen sie fluchtartig die Wirtschaft und liefen durch Nebenstraßen, wobei sie mehrfach die Richtung wechselten. Als sie schließlich nur noch zu dritt an einem Taxistand ankamen - Reede hatte sich aus Angst verabschiedet -, bestiegen sie einen der wartenden Wagen. Es gab ein großes Hallo, als Bomber den Taxifahrer, als einen alten Bekannten wiedererkannte.
Zügig fuhren sie über die Kölner Ringe Richtung Südstadt. Nach einigen Kilometern hielten sie in einer Seitenstraße.
Als es ans Bezahlen ging, winkte Bomber mit dem Tausendmarkschein und begann eine Geschichte zu erzählen, die die Herkunft des Geldes erklären sollte. Der Taxifahrer winkte nur ab. »Gebt es zu, ihr habt jemanden abgezogen«, sagte er lachend. Bomber, Paul und Andreas fielen in das Gelächter ein.
Dann bezahlten sie den Fahrer doch lieber mit ihrem zusammengelegten Kleingeld und verabredeten sich für den nächste Tag zum Aufteilen der Beute.
Den seltsamen Mann sahen sie nie wieder, und was er auf dem Damenklo wollte, blieb für immer sein schmutziges Geheimnis.
